Rezension // Six of Crows von Leigh Bardugo


Kaz Brekker, in den Straßen von Ketterhand Dirtyhands genannt, bekommt ein Angebot gemacht, dass er nicht ausschlagen kann - und für das er eine Crew braucht. Er soll in den Ice Court von Fjerda eindringen. An seiner Seite hat der Dieb dafür sein Gespenst Inej, einen Verbrecher, eine Grisha, einen Scharfschützen und einen Ausreißer.

Och nö, noch so ne Autorin, die ihre erfolgreiche Fantasiewelt nicht verlassen kann. Das war mein erster Gedanke, als ich über die Inhaltsangabe von Six of Crows drüber geguckt habe. Das Cover war jedoch unglaublich faszinierend und dann sind da noch die Stimmen von anderen Bloggern gewesen, denen ich in der Regel vertraue. (Hallo Eelif!) Und weil ich nicht wusste, wofür ich meine Weihnachts-Gutscheine sonst ausgeben soll, ist Six of Crows schlussendlich in meinem Regal gelandet.


Der perfekte Antiheld

Ich bin am Anfang durch das erste Kapitel gestolpert und auch der Einstieg in das Zweite war holprig. Bis Kaz Brekker seine Brilianz zeigte. Ich habe in meinem Vorfreude-Post Celaena aus Throne of Glass als einen der aufregendsten Charaktere seit Langem bezeichnet. Kaz Brekker steht ihr da allerdings in nichts nach. Schon mit dem Darkling aus der Grisha-Trilogie hat Leigh Bardugo ihr Talent für Figuren bewiesen, die eigentlich verachtenswert sind, die man jedoch nie ganz hassen kann. Der Darkling hat man nur durch die Außensicht erlebt. Hier war man in Kaz Kopf drin. Und ständig ging es mir wie Inej. Ich hab nach etwas Gutem gesucht, bis Kaz wieder brutal zuschlug. Ich hätte jedes Mal jubeln können. Wie oft trifft man auf Figuren in Romanen, die als bösartig beschrieben wurden, selber aber durchweg gutherzig agieren? Oder Bösewicht, die ein Phantom sind, eine Erscheinung, zu der man absolut keine Verbindung aufbauen kann? Kaz ist für mich der perfekte Antiheld. 

"No Mourners."
"No Funerals."
Die Handlung kommt schnell in Fahrt und die Karte der Grisha-Welt wird bunter. Orte, die vorher nur angesprochen wurden, bekommen Bedeutung. Die 6 Gruppenmitglieder haben alle eine unglaublich gute Hintergrundgeschichte, die zeitgleich eine brutale von Gier geleitete Welt zeichnen. Es sind Überlebenskünstler, die sich hier finden und ein ungleiches Team ausmachen, das trotz unterschiedlicher Motive, Herkunft und Überzeugungen funktioniert. Und obwohl ich im Absatz zuvor Kaz so gefeiert habe, kann ich mich nicht entscheiden, wer von den 6 mein Favorit ist. Das Buch ist aus wechselnden Perspektiven geschrieben. Die einzige Figur der glorreichen 6, die nie zu Wort kommt, ist jedoch Wylan, was die Frage nach dem 'Wieso' aufwirft? Ich hoffe, man erfährt im 2. Band mehr über ihn und das er allgemein eine größere Rolle in der Handlung einnimmt.


Exkurs: das Hörbuch

Neben der Taschenbuch-Version hab ich auch das Hörbuch gehört. Das Buch mit seiner fetten Paperback Größe hat zu viel Platz in meiner Tasche eingenommen, weswegen ich unterwegs (und beim Kochen und beim Einkaufen und bei allem anderen) das Hörbuch gehört habe. Bei Audible sind 7 Vorleser für Six of Crows aufgelistet. Ich habe nicht das komplette Buch durchgehört, kann man mir also eigentlich kein richtiges Urteil erlauben. Schon gar nicht zu allen 7. Dennoch empfand ich den Vorleser-Wechsel als unglaublich angenehm. Die Vorleser waren so gut, dass ich mich nicht an den Wechseln gestört habe, wie es so oft der Fall ist und haben perfekt den Fokus-Wechsel wiedergegeben. Gerade die Inej-Stellen haben mir eine richtige Gänsehaut verpasst.

16, 17, 18?

Mein großer Minuspunkt war das Alter der Protagonisten. Ich weiß, dass die Zielgruppe von Six of Crows eine jüngere ist und dass das Alter dazu dienen kann, zu zeigen, wie briliant und besonders die einzelnen Charaktere zugleich sind, weil sie gerade noch so jung sind. Zugleich kann ich, trotz ganz unterschiedlicher Hintergründe, nicht aufhören an mich mit 17 zu denken. Und ich übertrage meine Erfahrungen auf die Charaktere, wodurch das Ganze einfach an Glaubhaftigkeit verliert. Wo wäre das Problem gewesen überall 3-4 Jahre drauf zu legen? Gerade weil die Themen auch sehr heftig sind. Menschen verlieren Augen, Leute werden in Wagen eingesperrt wie Vieh und in Duschen geschickt. Ich muss bei solchen Szenen immer sofort an KZ's denken. Das Gleiche gilt für das Massengrab. Umso seltsamer ist es, dass nie beim Namen genannt wurde, was in der Menagerie passiert ist.

Aufregend - das ist das Adjektiv, mit dem ich Six of Crows beschreiben würde. Eine aufregende Welt, aufregende Charaktere und ein aufregender Umgang mit Worten. 

Wissenswertes zu Six of Crows. 

  • Bardugo, Leigh: Six of Crows. Henry Holt. 465 Seiten. Sprache: Englisch. Taschenbuch/Paperback: 9,05€.
  • Der zweite Teil Crooked Kingdom wird am 27. September 2016 erscheinen. 
  • Es ist noch nicht bekannt, wann Six of Crows auf Deutsch herauskommt. 
  • Der Roman spielt in der gleichen Welt, wie Leigh Bardugos erste Serie um die Grisha: #1 Shadow and Bone (Grisha - Goldene Flammen), #2 Siege and Storm (Eisige Welten) und #3 Ruin and Rising (Lodernde Schwingen). Die deutschen Übersetzungen sind beim Carlsen Verlag erschienen. 
  • Eine Deutsche Übersetzung von Six of Crows scheint laut Leigh Bardugos Webseite noch nicht in Sicht.
  • Hier geht's zum Grishaverse Wikia

Habt ihr Six of Crows schon gelesen? Wollt Ihr es noch lesen? 
Und wenn Ihr es schon gelesen habt, wie fandet Ihr das Buch?

Kommentare

  1. Eine sehr gute Rezension zu einem sehr guten Buch! Du sprichst wirklich alles an, was mir an Six of Crows auch am besten gefallen hat. Und das Problem mit dem Alter.. Das hatte ich auch. Ich war mit 17 nicht so ne krasse Sau wie die alle. ;D

    Das Hörbuch interessiert mich jetzt auch total, klingt richtig toll!

    Dass Wylan als Erzähler nicht auftaucht, habe ich mir am Ende damit erklärt, dass er nicht lesen und schreiben kann. Ist zwar auch nicht unbedingt mega schlüssig, aber irgendwie würde mir der Zusammenhang gefallen. :) Leigh hat aber vor kurzem auf Twitter geschrieben, dass es in Crooked Kingdom auch Kapitel aus Wylan's Sicht geben wird. Also lag ich wohl daneben. :D

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    1. Vielleicht sollte das Ganze auch nicht aufgelöst werden. Ich meine, wenn wir Kapitel aus Wylans Sicht erhalten hätten, dann wäre das Drama mit seinem Vater am Ende wahrscheinlich nicht ansatzweise so dramatisch gewesen, weil wir alles schon gewusst hätten, oder? (spoiler ich gerade schon zu sehr???)

      Ich meine, selbst wenn die mit 17 alle bei weitem mehr erlebt haben, als wir, ist das dennoch bei weitem zu jung :/ 2-3 Jahre mehr hätten es auch getan.

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  2. Mit dem Alter ging es mir ganz genauso! Ich meine, beim Lesen stört das ja eigentlich nicht, aber ich hab sie auch alle eher wie Mitte 20 empfunden (und mir vorgestellt). Ich glaube das hat die Autorin (der Verlag?) nur gemacht, um die Grisha-Zielgruppe nicht zu verlieren und weiterhin im Jugendregal stehen zu können. Das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt

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    1. Das mit der Zielgruppe hab ich mir auch gedacht. Schade eigentlich, weil die Geschichte doch so ernsthaft und brutal war. Und das Alter untergräbt das Ganze irgendwie :/ Vielleicht fixier ich mich da aber auch zu sehr drauf.

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    2. Ich finde das Alter einfach unstimmig mit den Charaktereigenschaften, den Erfahrungen, der Handlung und dem ganzen Ton der Geschichte. Wäre ein super Übergangsbuch für "YA to Adult" Leser, also eigentlich irgendwie New Adult Fantasy :)

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