Kolumne | Autor und Leser Interaktion - the worst case scenario

 
Die Möglichkeiten für Autoren sich zu vermarkten sind heutzutage endlos. Wurde man früher per Mundpropaganda empfohlen oder hatte das Glück, dass das eigene Werk in einer Zeitung besprochen wurde, passiert heute vieles online. Autoren haben die Möglichkeiten sich selbst zu publizieren und zu vermarkten und auch wenn sie unter Vertrag bei einem Verlag sind, wird ihnen ans Herz gelegt sich über die verschiedensten Social Media Kanäle (Twitter, Goodreads, Lovelybooks etc.) mit den Lesern in Verbindung zu setzen. Durch Interaktion wird der Leser gebunden. Der Leser bekommt durch offene Kommunikationskanäle die Möglichkeiten den Autoren Fragen zu stellen, Fragen zu beantworten - einfach: zu kommunizieren. Autor und Leser rücken näher - was unglaublich cool sein kann, wenn man geflasht von einem unglaublichen Buch, sich nachts bei der Autorin in ganz öffentlicher Form bedankt:
Und tatsächlich eine Reaktion erhält:
Es kann aber auch unglaublich schief gehen, wie ich heute durch Zufall sehen musste. Auf der Webseite des The Guardian hat die Autorin Kathleen Hale in aller Ausführlichkeit davon berichtet, wie sie eine Rezensentin stalkte.

In Kürze: Kathleen Hale, Autorin von No One Else Can Have You, liest entgegen jeder Empfehlung von Verlegern und Kollegen, Reviews zu ihrem Werk. Eine davon stößt ihr besonders auf. Sie beginnt die Bloggerin Blythe Harris zu stalken. Erst ganz milde, indem sie versucht mehr über Harris heraus zu finden.

Dann aber kommt Hale irgendwie an die Adresse der Bloggerin und ihr fallen ein paar Ungereimtheiten zwischen dem was sie über Google Earth und einer bezahlte Auskunft erfährt und dem was die Bloggerin auf ihren Social Media Kanälen über ihr Privatleben teilt. Hale glaubt, dass sie ge-"catfished" wurde. Dies ist ein Begriff aus dem Online Dating und bezeichnet Betrüger, die vorgeben jemand/etwas zu sein, dass sie nicht sind, um eine romantische Beziehung mit ihrem Opfer einzugehen. Absolut unangebracht in diesem Kontext. Die beiden haben gar keine Beziehung, außer über ihr Buch.

Durch diesen Glauben und Hales Anschuldigungen von der Bloggerin gemobbt worden zu sein (die alle haltlos zu sein scheinen. Die Goodreads Review gibt nichts in der Hinsicht her), sieht die Autorin Hale sich darin bestätigt, weiter zu machen. Und weiter bedeutet: Hale mietet sich ein Auto und steht plötzlich vor der Tür der Bloggerin, weil sie die 'Wahrheit' über die Identität der Bloggerin Harris herausfinden will und mit ihr reden möchte. Es kommt zu keinem Kontakt an dem Tag.

Hale schafft es dann irgendeine Frau ans Telefon zu bekommen, die nach ihren Information Harris sein soll. Hale versucht die Frau als Harris zu überführen, bekommt aber letztendlich keine wirkliche Bestätigung für all ihre Theorien. Die Bloggerin Harris privatisiert daraufhin all ihre Social Media Kanäle und Hale bekommt die Möglichkeit ihre Taten beim Guardian zu glorifizieren: Als eine Autorin, die sich nur gegen eine mobbende Rezensentin wehrt und somit Stalking als Mittel zum Zweck legitimiert.

Dabei gibt es keine Screenshots von besagten Anschuldigungen, keinerlei Möglichkeiten, alles was passierte wirklich nachzuempfinden. Alles was stattgefunden haben soll, ist nur Hören-Sagen von Seiten der Autorin. Von Harris war bisher nichts zu hören. Besser kann es wohl der Artikel auf dearauthor.com, bei dem es um die Wichtigkeit von Pseudonymen geht, erklären.

Die ein paar Absätze zuvor verlinkte Rezension von Blythe Harris lautet inzwischen nur noch "F*** this", was ich durchaus nachvollziehen kann. Harris Reading Progress Updates sind hingegen noch online und ich kann dort nichts finden, was ich als Mobbing bezeichnen würde. Sie wurde von einigen Kolleginnen dafür kritisiert, dass sie das Buch für bestimmte Aussagen bereits beurteilt hat, ohne an dieser Stelle im Buch bereits angekommen zu sein. Im Prinzip genauso verwerflich wie ein Buch zu bewerten, das man abgebrochen hat. Ob man dazu berechtigt ist, etwas zu bewerten, das man nicht zu Ende gelesen hat, ist eine Diskussion für einen anderen Tag. Für die Punkte die Harris nach Hales Aussagen, falsch kritisiert hat, hatte Harris meiner Meinung nach eine gute Begründung. Nichts was ich Autoren nicht auch schon vorgeworfen habe.

Was mich an der ganzen Sache am meisten ärgert, ist das The Guardian so jemanden wie Kathleen Hale, die bereits zuvor über ihre Stalker Tendenzen berichtet hat (und wo sie sich erneut als das Opfer dargestellt hat), eine Plattform für ihre einseitigen haltlosen Behauptungen gegeben hat und sie als Heldin darstellt, die sich nur gegen die bösen Trolle mit Stalking gewehrt hat. Kathleen Hale scheint sich keiner Schuld bewusst und durch die positive Resonanzen in der Kommentarfunktion von leichtgläubigen Lesern, wird sie wohl auch niemals wirklich kapieren wie falsch diese ganze Aktion war. 

Kommentare

  1. Wow. Ich bin echt sprachlos.

    Was zum Teufel ist bloß in die Autorin gefahren? Was hat den Guardian geritten, den Artikel zu veröffentlichen? Und noch gruseliger finde ich die Kommentare, die im Guardian stehen.
    Alle verrückt.

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    1. Ja, oder? Was ich am schlimmste finde ist, das selbst wenn die Bloggerin gehetzt hat, alle meinen dass Stalking eine entsprechendes Gegenmittel ist. Nicht das Hetzen und Mobbing nicht auch schlimm sind, aber dann kann man sich auch anders wehren und vor allen Dingen: Wo sind die Beweise?

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    2. DAS frage ich mich auch. Der ganze Artikel dreht sich doch nur darum, was die Autorin erlebt hat. Das kann stimmen, muss aber nicht zwangsläufig.

      Ich finde es mehr als gruselig. Ich meine, das könnte theoretisch auch mir passieren - ich schreibe eine 1 Stern Rezension und plötzlich steht die Autorin des Buches bei mir vor der Tür, ruft meinen Arbeitgeber an - und alle halten das ok??? Wo leben wir denn?

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    3. Das hab ich mir auch gedacht. Manchmal bin ich ein bisschen hart in meinen 1 Stern Rezensionen, aber dann hat mir das Buch auch einfach nicht gefallen, und das darf man doch auch sagen dürfen. Da bin ich irgendwie froh, dass ich meist Bücher von englischen/amerikanischen Autoren lese und da immer Wasser zwischen mir und denen liegt. Obwohl ich jetzt nicht glaube, dass das mir passieren würde, aber es ist erschreckend wie viele Hale supporten - nicht nur bei The Guardian, sondern auch andere Autoren

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